Warum Corporate Learning neu gedacht werden muss
07. Juli 2026 | 5 Minuten Lesezeit
07. Juli 2026 | 5 Minuten Lesezeit

Friedl Wynants
Gründer & Geschäftsführer
Corporate Learning verändert sich gerade grundlegend. Das beobachten wir nicht nur in unseren Projekten, sondern in nahezu jedem Gespräch mit Verantwortlichen aus Learning & Development. Die Fragen ähneln sich dabei erstaunlich stark: Wie gelingt Wissenstransfer, wenn Wissen immer schneller veraltet? Wie schaffen wir es, Menschen in einer Arbeitswelt zu unterstützen, die sich kontinuierlich – und teilweise schwindelerregend schnell – verändert? Und welche unterstützende Rolle kann generative KI dabei spielen?
Organisationen stehen heute vor einer doppelten Herausforderung:
L&D steht deshalb vor einer Aufgabe, die weit über die Entwicklung neuer Trainings hinausgeht. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, „mehr Lernen“ anzubieten. Sondern Lernen so zu gestalten, dass es dort wirkt, wo Menschen Unterstützung benötigen.
Diese Entwicklung ist nicht neu – wir beobachten sie seit vielen Jahren. Mit dem Aufkommen generativer KI hat sie jedoch eine neue Dynamik erhalten. Nicht, weil künstliche Intelligenz klassische Lernformate plötzlich überflüssig macht. Sondern weil sie Möglichkeiten eröffnet, Lernen grundlegend anders zu denken. Aus diesen Beobachtungen und den Gesprächen mit unseren Kunden hat sich für uns nach und nach eine Überzeugung herauskristallisiert, die unsere Sicht auf die Zukunft des Corporate Learning beschreibt:

Dieser Satz beschreibt unsere Vision, an der wir unsere Arbeit ausrichten und von der wir überzeugt sind, dass sie das Corporate Learning der kommenden Jahre prägen wird. Die spannende Frage ist nun, welche Konsequenzen sich daraus für L&D ergeben. Bedeutet diese Vision, dass klassische Lernformate künftig ausgedient haben? Genau das glauben wir nicht.
Wer über die Zukunft des Lernens spricht, gerät schnell in Versuchung, Neues und Bewährtes gegeneinander auszuspielen: E-Learnings gegen Generative KI, Präsenztrainings gegen Lernassistenten, Vorratslernen gegen Lernen im Moment des Bedarfs.
Aus unserer Sicht führt diese Diskussion am eigentlichen Thema vorbei. Didaktisch wertvoll konzipierte Lernformate werden auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Sie sind gut darin wenn es darum geht. Grundlagen zu schaffen, Zusammenhänge zu vermitteln, persönlichen Austausch zu fördern und Veränderungsprozesse zu begleiten. Es gibt viele Situationen, in denen Menschen bewusst Zeit zum Lernen brauchen – losgelöst vom unmittelbaren Arbeitskontext. Daran wird sich auch durch generative KI nichts ändern.

Gleichzeitig sehen wir tagtäglich die Grenzen klassischer Lernangebote. Häufig findet Lernen weit vor der eigentlichen Anwendung statt. Mitarbeitende absolvieren ein Training und sollen das Gelernte Wochen oder Monate später abrufen – genau in dieser Zeit entsteht die Transferlücke, die Learning Professionals seit Jahrzehnten beschäftigt.
Die entscheidende Veränderung besteht deshalb nicht darin, bestehende Formate zu ersetzen. Sie besteht darin, sie sinnvoll zu ergänzen. Generative KI ermöglicht es erstmals, Lernen deutlich näher an den Moment zu bringen, in dem Wissen tatsächlich benötigt wird.
Lernen war lange Zeit zwangsläufig standardisiert. Ein E-Learning richtete sich an eine größere Zielgruppe, nicht an einzelne Menschen. Alle erhielten dieselben Inhalte, unabhängig von ihren Vorkenntnissen, Erfahrungen oder konkreten Fragestellungen.
Das war nie ein didaktisches Ideal, sondern die Konsequenz der verfügbaren (begrenzten) Möglichkeiten. Generative KI verändert diese Ausgangslage grundlegend. Erstmals wird es möglich, ohne großen Aufwand Lernangebote deutlich stärker auf einzelne Personen zuzuschneiden. Nicht jede und jeder benötigt dieselben Informationen zur gleichen Zeit. Manche brauchen Orientierung, andere möchten ihr Wissen vertiefen, wieder andere suchen lediglich eine schnelle Antwort auf eine konkrete Frage. Je individueller Lernen wird, desto relevanter wird es auch. Die Vision einer persönlichen Eins-zu-eins-Begleitung, die Learning Professionals seit vielen Jahren beschäftigt, rückt damit ein großes Stück näher.
Auch die Rolle der Lernenden verändert sich. Viele Lernangebote folgen bis heute einem klassischen Push-Prinzip. Organisationen entscheiden, welche Inhalte vermittelt werden, zu welchem Zeitpunkt gelernt wird und wann ein Training abgeschlossen sein muss. Für Pflichtschulungen oder regulatorische Themen bleibt dieses Vorgehen auch künftig unverzichtbar.
Doch nicht jedes Lernbedürfnis lässt sich planen. Viele Fragen entstehen erst während der Arbeit. Wie gehe ich im nächsten Kundengespräch vor? Welche Richtlinie gilt in diesem Sonderfall? Wie löse ich dieses Problem? Bislang begann in solchen Momenten häufig die Suche nach Dokumenten oder Kolleginnen und Kollegen wurden zur Anlaufstelle. Eine McKinsey-Studie von 2024 hat ermittelt, dass ein durchschnittlicher Mitarbeitender in einem deutschen Büro pro Woche 8-12 Stunden mit der Suche nach Informationen verbringt, also bis zu einem Viertel der Arbeitszeit.
Generative KI eröffnet hier eine neue Möglichkeit, so dass Lernende sich genau dann Unterstützung holen können, wenn sie sie benötigen – selbstbestimmt, situativ und orientiert am tatsächlichen Bedarf.
Vielleicht verändert sich an diesem Punkt am meisten. Traditionell wird Lernen häufig vom „produktiven“ Arbeiten getrennt. Zunächst wird Wissen vermittelt, anschließend soll es in die Praxis übertragen werden. Zwischen beiden Schritten liegt oft ein erheblicher zeitlicher Abstand.
Mit generativer KI entsteht die Möglichkeit, diese Trennung teilweise aufzulösen. Wissen kann dort verfügbar sein, wo es gebraucht wird – während einer Aufgabe, einer Entscheidung oder eines Gesprächs.

Das bedeutet nicht, dass niemand mehr lernen muss. Im Gegenteil, denn Grundlagen, Zusammenhänge und Verständnis bleiben unverzichtbar. Doch dort, wo konkrete Unterstützung im Arbeitsalltag gefragt ist, kann Lernen unmittelbarer und wirksamer werden. Nicht Lernen auf Vorrat, sondern Lernen im Moment des Bedarfs.
Damit verändert sich auch die Rolle von Learning Professionals. Die Aufgabe besteht künftig weniger darin, möglichst viele Trainings zu produzieren. Wichtiger wird die Frage, welche Lernform in welcher Situation den größten Mehrwert bietet. Manche Themen gehören weiterhin in ein WBT oder ein Präsenztraining. Andere lassen sich durch Performance Support, Wissensdatenbanken oder KI-gestützte Assistenzsysteme besser unterstützen. Learning & Development entwickelt sich damit zunehmend vom Produzenten einzelner Lernangebote zum Architekten einer wirksamen Lernlandschaft. Es geht darum, die verschiedenen Bausteine sinnvoll miteinander zu verbinden und Lernangebote dort bereitzustellen, wo sie den größten Nutzen entfalten.
Die beschriebene Sicht auf modernes Corporate Learning bildet seit vielen Jahren die Grundlage für die Entwicklung unserer Lösungen. Dazu gehören klassische digitale Lernformate ebenso wie Lernplattformen, KI-gestützte Lernassistenten oder unser KI-Autorentool knowtion. Nicht, weil wir bestehende Lernformate ersetzen möchten. Sondern weil wir überzeugt sind, dass nachhaltiges Lernen dort entsteht, wo bewährte Methoden und neue Möglichkeiten sinnvoll zusammenwirken. Denn Lernen neu zu denken bedeutet nicht, das Bestehende hinter sich zu lassen. Es bedeutet, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden.

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Friedl Wynants