Wie erkläre ich komplexe Themen einfach?

5 bewährte Methoden

03. Juli 2018 | 5 Minuten Lesezeit

Kreisbild von Friedl Wynants

Friedl Wynants
Gründer & Geschäftsführer

Zusammenfassung des Artikels

Komplexe Themen erklären Sie einfach durch fünf bewährte Methoden: Überwinden Sie den „Fluch des Wissens“, wechseln Sie die Perspektive zur Zielgruppe, reduzieren Sie auf Kernbotschaften, verwenden Sie einfache Sprache und setzen Sie Storytelling ein.

Einfach erklären – mit diesen Tipps funktioniert's

„Jeder intelligente Narr kann Dinge größer und komplexer machen. Es braucht ein Stück Genialität – und jede Menge Mut – sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.“

Dieses Zitat von Albert Einstein spiegelt das wider, was wir tagtäglich mit unserer Arbeit tun: Dinge auf das Wesentliche reduzieren und sie für verschiedene Zielgruppen verständlich machen. Wir geben Ihnen fünf Tipps an die Hand, mit denen auch Sie Kompliziertes einfach und überzeugend erklären.

Erklär-Tipp 1:
Entfliehen Sie dem Fluch des Wissens

Man sollte meinen, dass insbesondere fachlich kompetente Personen am besten erklären können. Doch oft ist genau das Gegenteil der Fall. Wir bezeichnen dieses Phänomen als den „Fluch des Wissens“: Für eine gut informierte Person ist es sehr schwierig, sich in die Rolle dessen hineinzuversetzen, der nicht über den gleichen Kenntnisstand verfügt. Dadurch erklären Expertinnen und Experten häufig auf einem Niveau, das für den Laien nicht nachvollziehbar ist – und merken es nicht einmal. Insofern ist der erste Schritt hin zum einfachen Erklären, sich bewusst zu machen, dass der eigene Wissensstand in vielen Fällen nicht dem des Gegenübers entspricht. Wie Ihnen das gelingt, erfahren Sie in folgendem Video.

So überwinden Sie also den Fluch des Wissens:

  • Bewusstsein schaffen: Erkennen Sie, dass Ihr Wissensstand nicht dem Ihrer Zielgruppe entspricht
  • Vorwissen analysieren: Fragen Sie sich: "Was weiß meine Zielgruppe bereits?"
  • Niveau anpassen: Beginnen Sie bei dem, was bekannt ist

Warum das funktioniert: Neurowissenschaftlich gesehen können wir nicht „unwissen", was wir einmal gelernt haben. Unser Gehirn macht automatische Verknüpfungen, die Laien nicht haben. Bewusste Selbstreflexion durchbricht diesen mentalen Autopiloten und zwingt uns, die Perspektive zu wechseln.

Erklär-Tipp 2:
Die Perspektive wechseln: „Warum“ vor „Wie“

Wie wir im Video erfahren haben, ist es nötig, sich mit dem Vorwissensstand der Zielgruppe auseinanderzusetzen und ihre Perspektive einzunehmen, um dem „Fluch des Wissens“ zu entkommen. Wir erklären immer wieder innovative Produkte; kürzlich eine App, mit der die Zielgruppe ihr ganzes Haus steuern kann – von der Waschmaschine über die Jalousie bis zur Heizung. Unser Kunde wurde nicht müde, die vielen Anwendungsmöglichkeiten und technischen Raffinessen seiner App aufzuzählen und wunderte sich, warum seine Kommunikation trotzdem nicht die gewünschte Wirkung erzielte. Wir analysierten im ersten Schritt die Zielgruppe: Was wissen Otto-Normal-Verbraucher und Lieschen Müller über das „Smart Home“? Das Ergebnis bestätigte unsere Vermutung: Die Zielgruppe hatte zwar davon gehört, dass sie mit dem Handy die Heizung regeln können. Was sie nicht wusste war, welchen Mehrwert das für sie haben könnte.

Zielgruppe Warum-Anteil Wie-Anteil Beispiel
Laien 70% 30% „Warum brauche ich ein Smart Home?"
Fortgeschrittene 50% 50% Ausgewogene Erklärung
Experten 30% 70% Technische Details im Fokus

Warum vs. Wie: Die richtige Balance finden

Und an dieser Stelle unterscheiden sich Zielgruppen häufig von Personen, die über viel Vorwissen verfügen: Während Expert/-innen über jedes einzelne Blatt des Baumes referieren möchten, weiß die Zielgruppe nicht einmal, warum sie sich für den Wald interessieren sollte. Je weniger Vorwissen eine Zielgruppe hat, desto mehr Raum sollte deshalb der Beantwortung der Frage „Warum sollte mich das interessieren?“ innerhalb einer Erklärung eingeräumt werden, um so die Zielgruppe abzuholen. Daraus folgt, dass für die Detail-Erklärungen – in der Regel das „Wie?“ – gilt: Je kürzer, desto besser! Bei einer Experten-Zielgruppe hingegen kann das „Wie“ im Mittelpunkt der Erklärung stehen und das „Warum“ kurzgehalten werden.

Also: Je weniger Vorwissen in der Zielgruppe vorhanden ist, desto mehr Zeit sollte dem „Warum?“ gewidmet werden. Erst wenn Sie es mit Expertinnen und Experten zu tun haben, lohnt es sich, ausführlich über das „Wie?“ zu sprechen.

Nichts desto trotz sollte in jeder Erklärung, unabhängig vom Adressaten, das „Warum“ im adäquaten Umfang thematisiert werden – denn an diesem Punkt unterscheiden sich Erklärungen von Anleitungen oder Rezepten: Der Reiz einer guten Erklärung besteht nämlich darin, immer die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten und Fakten damit eine Bedeutung zu geben. Auf diese Weise ist es zudem möglich, Kontext zu schaffen und den Sachverhalt anschlussfähig zu machen.

Anschlussfähigkeit schaffen: An vorhandenem Wissen anknüpfen

Und für die Anschlussfähigkeit ist noch etwas wichtig: Würde man einem Kind erklären wollen, was ein Kubist ist, müsste man zunächst einen Schritt zurück treten und ihm erläutern, was ein Maler ist. Dadurch knüpft der neue Sachverhalt an bereits Bekanntem an und wird vom Gehirn schneller verarbeitet und besser abgespeichert. Das gilt grundsätzlich: Unser Gehirn kommt mit neuem Wissen besser zurecht, wenn es an bereits bekanntes Wissen anschließt.

Warum das funktioniert: Das Gehirn filtert permanent Informationen nach Relevanz. Ohne klaren Nutzen („Warum ist das wichtig für mich?“) schaltet es auf „unwichtig“ und hört nicht mehr zu. Die „Warum“-Frage aktiviert das Belohnungszentrum und macht uns aufmerksam für die folgenden Details.

Erklär-Tipp 3:
Inhalte radikal reduzieren: Weniger ist mehr

Wir kennen jetzt den Vorwissensstand unserer Zielgruppe und sind uns bewusst, dass er sich von unserem unterscheidet. Das nächste Stichwort lautet nun „Kernbotschaften“. Nutzen Sie das Warum-Wie-Diagramm aus Tipp 2 dafür, um herauszufinden, was die wirklich wesentlichen Botschaften für Ihre Zielgruppe sind und trennen Sie sich von allem, was Sie nicht unbedingt brauchen. Hier gilt: Weniger ist mehr!

Warum das funktioniert: Unser Arbeitsgedächtnis kann nur 7±2 Informationseinheiten gleichzeitig verarbeiten (Millers Regel). Bei Informationsüberfluss schaltet das Gehirn in den „Survival-Modus“ und vergisst alles. Reduktion auf 3 Kernpunkte nutzt diese mentale Kapazität optimal aus.

Erklär-Tipp 4:
Auch für die Sprache gilt: Je einfacher die Sprache, desto besser das Verständnis

Neben Perspektivwechsel und Gewichtung ist ein weiteres wichtiges Vehikel der Verständlichkeit die Sprache. Die Affinität zu verschachtelten Sätzen, Fachbegriffen und Nominalstil ist jedoch weit verbreitet. Dabei gibt es einfache Tipps, die beim verständlichen Formulieren helfen:

  • Kurze Sätze: Kurze (maximal 15-20 Wörter), wenig verschachtelte Sätze machen es dem Rezipienten leichter, sich Inhalte zu merken, da das Arbeitsgedächtnis den Satzanfang bis zum Satzende präsent halten muss, um den Sinn zu verstehen.

  • Aktiv-Formulierungen statt Passiv: Aktive Formulierungen sind besser als passive, weil sie klar machen, wer agiert und darüber hinaus – wie der Name schon vermuten lässt – aktivieren. Ein Beispiel: „Wir entwickeln“ statt „wird entwickelt“

  • Verben statt Substantive: Gleiches gilt für Verben, die das Gehirn umfassender aktivieren als Substantive, da sie im Gehirn beispielsweise auch Bewegungsareale aktivieren.

  • Fachsprache vermeiden: Vermeiden Sie in Ihren Erklärungen Fachbegriffe, wenn sie Ihrer Zielgruppe nicht geläufig sind.

  • Adjektive streichen: Verwenden Sie nicht zu viele Adjektive. Hier gilt die Faustregel: Zwei von drei Adjektiven streichen und von einem mündigen Publikum ausgehen, das selbst entscheiden kann, wie es etwas findet.

Warum das funktioniert: Der Speicher unseres Arbeitsgedächtnisses ist begrenzt. Je einfacher der Satz, desto mehr Kapazität bleibt für den Inhalt.

Erklär-Tipp 5:
Nutzen Sie Storytelling für nachhaltige Wissens­vermittlung

Wenn wir unsere Inhalte gewählt und strukturiert haben, müssen wir diese so verpacken, dass der Empfänger sie annimmt. Storytelling ist ein wirkungsvolles Tool, um Inhalte nachhaltig zu vermitteln. Nennen Sie durchaus Fakten, denn die geben Ihrer Geschichte Substanz. Aber erst Geschichten machen die Fakten greifbar.

Geschichten sind 15x einprägsamer als nackte Fakten

Und: Geschichten bleiben im Kopf. Es gibt diverse Studien, die zum immer gleichen Ergebnis kommen, wie zum Beispiel diesem: Kommuniziert man nackte Fakten, erinnern sich nach 10 Minuten noch 5% der Menschen an konkrete Inhalte. Verpacken Sie diese Fakten in eine Geschichte, sind es 75% - also 15 Mal mehr!

Warum das funktioniert: Unser Gehirn ist evolutionär auf Geschichten programmiert. Seit Jahrtausenden geben Menschen Wissen durch Erzählungen weiter. Verpacken Sie Ihre Fakten in kleine Geschichten. Nutzen Sie Beispiele, Analogien oder persönliche Erfahrungen.

Wieso Geschichten so eine Wirkung haben und wie Sie Storytelling einsetzen können, erfahren Sie in unserem Artikel zum Thema Storytelling.

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Fazit

Perspektivwechsel, Gewichtung, Sprache – wer darauf in seinen Erklärungen achtet, dem fällt das einfache Erklären schon deutlich leichter und der ebnet dem Rezipienten den Weg hin zum Wertvollsten, über das Gesellschaften, Unternehmen und Individuen verfügen: Wissen. Reichern Sie Ihre Erklärungen noch mit Geschichten an, sorgen Sie dafür, dass sich Ihre Zielgruppe auch langfristig an Ihre Inhalte erinnert. Denn wer mit Geschichten kommuniziert, kommuniziert nachhaltiger.

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FAQs: Häufige Fragen zum einfachen Erklären

Mit welchem der fünf Tipps soll ich anfangen?

Der Perspektivwechsel (Erklär-Tipp 2) ist das Fundament. Ohne zu verstehen, was Ihre Zielgruppe bereits weiß und warum sie sich interessieren sollte, laufen alle anderen Techniken ins Leere. Beginnen Sie immer hier.

Wie erkenne ich, ob meine Erklärung zu komplex ist?

Ganz einfach: Fragen Sie aktiv nach. „Ist das soweit verständlich?“ – wenn mehr als 2-3 Rückfragen kommen, ist Ihre Erklärung zu komplex.

Wie finde ich den Wissensstand meiner Zielgruppe heraus?

Stellen Sie vor der Erklärung einfache Testfragen: „Haben Sie schon mal von XY gehört?“ oder „Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn ich ABC sage?“ Bei Präsentationen können Sie vorab eine kurze Umfrage machen oder das Publikum direkt fragen.

Wie kann ich einem Publikum mit unterschiedlichen Wissensständen gleichzeitig etwas erklären?

Nutzen Sie das „Zwiebel-Prinzip“: Beginnen Sie mit dem Basis-Layer für alle, dann schälen Sie tiefer für Fortgeschrittene. Sagen Sie: „Für die, die tiefer einsteigen wollen...“ So verlieren Sie niemanden und langweilen auch Experten nicht.

Darf ich überhaupt keine Fachbegriffe verwenden?

Doch, aber mit System: Führen Sie neue Begriffe einzeln ein und erklären Sie sie sofort. Pro Gespräch maximal 2-3 neue Fachbegriffe. Faustregel: Wenn Sie einen Fachbegriff 5x wiederholen müssen, gehört er zu Ihren 2-3 wichtigsten.

Wie einfach ist „zu einfach“? Wirke ich dann nicht inkompetent?

Das Gegenteil ist der Fall: Wer komplexe Dinge einfach erklären kann, gilt als besonders kompetent. Einstein, Feynman, Jobs – alle berühmt für einfache Erklärungen komplexer Ideen. Zu einfach ist es nur, wenn Sie wichtige Nuancen weglassen, die für Entscheidungen relevant wären.

Funktionieren einfache Erklärungen auch bei sehr technischen Themen?

Besonders dort! Technische Inhalte belasten das Arbeitsgedächtnis bereits stark. Außerdem schaffen kurze Sätze mentale „Atempausen“, die den Zuhörenden Zeit geben, die Informationen zu verarbeiten.

Beispiel:

❌ „Die API-Schnittstelle ermöglicht es externen Anwendungen, über HTTP-Requests auf unsere Datenbankstruktur zuzugreifen.“

✅ „Die API ist wie eine Haustür. Externe Programme können anklopfen. Wenn sie vertrauenswürdig sind, bekommen sie Zugang zu unseren Daten.“

Funktioniert das auch bei emotionalen oder kontroversen Themen?

Ja, sogar besonders wichtig. Bei emotionalen Themen schaltet das rationale Denken teilweise ab. Einfache Sprache und klare Struktur helfen, trotz Emotion zu verstehen. Vermeiden Sie aber übertriebene Vereinfachung – das wirkt herablassend.

Wie finde ich gute Geschichten für trockene Themen?

Drei bewährte Quellen:

  • Persönliche Erfahrungen („Als ich zum ersten Mal...“)
  • Kundenbeispiele („Ein Kunde fragte mich neulich...“)
  • Analogien aus dem Alltag („Das ist wie beim Autofahren...“)

Notieren Sie sich gute Geschichten, wenn sie Ihnen begegnen.

Was mache ich, wenn mir spontan keine Geschichte einfällt?

Nutzen Sie die „Stellen Sie sich vor“-Technik: „Stellen Sie sich vor, Sie wollen morgen früh zur Arbeit und Ihr Auto springt nicht an...“ Das Gehirn vervollständigt die Geschichte automatisch und ist aufmerksamer für Ihre Lösung.

Wie merke ich, ob meine Geschichte zu lang wird?

Die 60-Sekunden-Regel: Länger als 1 Minute sollte eine Erklär-Geschichte nicht dauern, sonst wird sie selbst zum Erklärungs-Objekt. Die Geschichte soll den Punkt unterstützen, nicht ersetzen.

Wie übe ich einfaches erklären am besten?

Beginnen Sie mit dem „Oma-Test“: Erklären Sie Ihr Thema so, dass es Ihre Großmutter verstehen würde. Dann steigern Sie schrittweise die Komplexität je nach Zielgruppe. Üben Sie regelmäßig an „unwichtigen“ Gesprächen – dann klappt es auch bei wichtigen Terminen.

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